Warentest Kieferorthopädie-Buch : 4-Jährige unnötig gequält!

Bei Anfragen wären folgende Angaben zur Person hilfreich:
A) Patient (Alter?)/ Eltern/ Lehrkräfte/ Zahnarzt / Zahntechniker/ Therapeuten o.ä.
B) Schon in Behandlung / Erst- bzw. Zweit-Behandlung suchend / unbetroffen interessiert o.ä.
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Warentest Kieferorthopädie-Buch : 4-Jährige unnötig gequält!

Beitrag#1von ruebezahl » 15. Aug 2009 10:09

Verehrte Gemeinde,
Pfingsten 2009 kam er heraus, der Ratgeber Kieferorthopädie der Stiftung Warentest (Deutschland / Österreich), und ich muss hier mal meine Meinung dazu loswerden:
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Titelbild: Kind mit fester Spange, über der viel Zahnfleisch entblößt ist (unnatürliches „gummy smile“), während die kleinen Zähne durch das massive „Baugerüst“ am Weiterwachsen gehindert zu werden scheinen. Vormals war Kieferorthopädie ein Kapitel der Warentest Zähne-Bücher, wovon ich neulich ältere Ausgaben betrachten konnte: 1999 waren sogar noch die gesunden Bimler-Spangen im Bild, die heutzutage eine Rarität sind. 2003 stattdessen ein Fall „Lars“ einer beizeiten begonnenen und dennoch 5 Jahre dauernden Bracket-Behandlung, für die überdies 2 gesunde Zähne unnötig geopfert wurden (auf bewährte Bisslagekorrektur wurde wohl verzichtet). In der 2005er Version waren dann viele sanfte Methoden durch harte ersetzt.
In der neuen Lang-Version haben besondere patientenschonende Methoden wie Fränkel, Crozat und Korrekturschienen zwar wieder Platz. Die Rückschubdoppelplatte jedoch nicht, sondern stattdessen z.B. die Gesichtsmaske an fester Spange, die im Alter von 7 bis 9 Jahren am wirksamsten sei (S. 71)!
Es gibt auch ein Kapitel zum Für und Wider der ganzheitlichen Kieferorthopädie. Einen Hinweis auf verlockenden Ganzheitlich-Etikettenschwindel vermisste ich jedoch.
Überhaupt ist das Buch mit viel Vorsicht zu lesen, denn, der Reihe nach:
S. 38: Zahnarzt überweist 4-Jährige wegen Vorbiss zum Kieferorthopäden. Diese „setzte bei ihr im Oberkiefer eine feste Klammer ein, um den Kiefer zu weiten.“ Zweifellos eine Gaumennahtsprengung (GNE), denn die Mutter musste sie täglich selbst nachstellen. Dabei hat das kleine Mädchen jedesmal vor Schmerz geschrien, so dass die Mutter eine Zweitmeinung einholte. Aber auch dieser Zahnarzt fand die brachiale Prozedur in Ordnung. Viele Fach-Kieferorthopäden mögen es nicht, wenn sich Allgemein-Zahnärzte in ihr Tun einmischen, oder gar die leichten oder frühen Fälle selbst behandeln. So wurde hier nur bemängelt, dass die Kieferorthopädin nicht gesagt hat, die Schmerzen würden nach 2 Wochen aufhören (wenn die Gaumennaht zerrissen ist).
Kein Wort informierte lesende Eltern an dieser Stelle darüber, dass z.B. herausnehmbare Dehnplatten schmerzlos und in diesem Alter ebenfalls zügig wirken. So werden hier verrohte Behandlungsformen von Kleinkindern salonfähig gemacht, die eigentlich Körperverletzung sind. Zuvor waren mir „nur“ einzelne Praxen-Seiten in D und A bekannt, die sich eben damit brüsten.

S. 53 seitengroß ein Kind mit Brackets, das noch alle Milch-Backenzähne hat (das habe ich neulich zum ersten Mal am lebenden Objekt gesichtet)! Frühere Ausgaben zeigten lediglich Kinder mit Brackets, denen die Eckzähne noch fehlten. Auf S. 61 dann unter Brackets für Milchzahnträger beschrieben, und anderswo noch am Beispiel eines 7-Jährigen: manchen Kindern „müssten“ schon im frühen Wechselgebiss Brackets eingebaut werden. Die Milch-Seitenzähne werden dabei ausgespart, um ihre Nachfolger meist später mit einer festen Spange zu versehen.
Wie ist nun dieser Vormarsch zu deuten? Vermutlich, damit Praxen, die (nach US-amerikanischem Vorbild?) Platten oder Crozat völlig auslisten, und damit vielleicht eine Laborkraft einsparen, dadurch nicht jene Patienten einbüßen, die noch Milchzähne haben?

S. 106 bestätigt dann, dass die invasiven Minischrauben im Knochen als Zusatz zur festen Spange nun auch für Kinder und Jugendliche verbreitet werden, „wenn umfangreiche Zahnbewegungen geplant sind und z.B. eine Lücke geschlossen werden soll.“ Paroli: mein Nichtanlagen-Fallkapitel mit 4 Fällen aus 3 Quellen:
www.sanfte-zahnklammern.de/fallbeisp/ni ... htanl.html
Ja, die Zahnbewegungen! Im Ganzheitlichen-Kapitel des Buches steht zwar, dass man auch mehr mit dem Wachstum arbeiten kann statt mit äußeren Kräften, die, wenn sie groß sein müssen, sonst von Außenspangen kommen oder eben von solchen Schrauben im Knochen.
Ich weise darauf hin, dass es in Europa früher schulmedizinische Kieferorthopädie war, die intensiv das Wachstum genutzt hat. Außenspangen waren damals unüblich, Erwachsenen-Kieferorthopädie aber auch. Bracket-Karies und aufgelöste Zahnwurzeln, wie sie im hinteren Teil des Buches beschrieben sind, machten damals noch kein Problem.

Auf S. 112 heißt es dann noch, „Wenn sich absehen lässt, dass ein Kind auf lange Sicht nicht um eine Operation herumkommt,“ die Frühbehandlung zu unterlassen. Gemeint sind hier also keine Spätfälle, sondern als Beispiel: 10 mm Vorbiss. Aber welches Kind kommt mit 10 mm Vorbiss zur Welt? Diese Auffassung bereitet dem Missbrauch durch Versäumnis den Weg, auch wenn die Qualen und Risiken von Kieferoperationen dann durchaus beschrieben werden.
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Ra(s)tlose Grüße,
hordeotech
Zuletzt geändert von ruebezahl am 9. Sep 2009 12:36, insgesamt 1-mal geändert.
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Bracket-Opfer mit Milchzähnen! Aktive Platten ausrangiert?

Beitrag#2von ruebezahl » 6. Sep 2009 12:53

Liebe Leser,
insgesamt habe ich in den Menschenmassen, in denen ich gestern auf der Anti-Atom-Riesendemo in Berlin war, nicht übermäßig viele feste Spangen gesehen. Und diese an Jugendlichen und Erwachsenen, mit einer traurigen Ausnahme. Dort sah ich die Umsetzung der neuen Bracket-Propaganda, die nun in o.g. Warentest-Buch steht, aber mir schon früher in einem Dumm-Forum begegnet war, das erste Mal leibhaftig:
ein kleiner Junge mit noch kompletten Milch-Eck- und Backenzähnen, aber Brackets auf den Schneidezähnen. Im Unterkiefer zwar nicht, aber dort war, soweit ich schnell erkennen konnte, innenseitig wohl ein Lingualbogen eingebaut. Der soll den Platzüberschuss der Milch-Backenzähne erhalten und dadurch einen Eckzahn-Engstand verhindern. Was aktive Platten auch täten, OHNE dabei die 6er, an denen der Lingualbogen befestigt ist, jahrelangen Kariesgefahren auszusetzen! Aber die hatte sein Behandler wohl ausgelistet, denn auch seine jugendliche Schwester war komplett fest eingerüstet, und als ich mein Flugi überreichte, meinte die Mutter, ohne Zahnspangen hätte man doch schrecklich schiefe Zähne!
Dass Kieferorthopädie 50 Jahre lang anders ging, war hier komplett vergessen. So geht es in jener Praxis geht wohl mit Kleberetainern weiter, und kleinen Kindern mit seitlichem Kreuzbiss wird eine Quadhelix oder eine Gaumennahtsprengung eingebaut (Details dazu: www.sanfte-zahnklammern.de/alterna/alterna.html ). Dabei habe ich vorgestern eine junge Patientin beraten, deren Bisslage trotz Kleberetainer rückfällig oder gar schlechter als vor der festen Spange war. Auch die Quadhelix erwies sich in einer schwedischen Studie als etwa 3x so rückfallträchtig wie Dehnplatten. Und ein langer französischer Artikel, den ich neulich fand, beschreibt neben vielen anderen Methoden eine Gaumennahtsprengung mit gesteigerter Brutalität und gibt dazu am Schluss den lapidaren Hinweis: Rückfallquote 40%. Denn sind Rückfälle ein Nachteil für die, die daran verdienen?

Was aktive Platten indessen in einigen Biotopen heute noch leisten können, zeigt das frische Fall-Kapitel
www.sanfte-zahnklammern.de/fallbeisp/lu ... rueck.html
wo das 1. Beispiel ein ähnlich junger Junge mit deutlich schiefen Zähnen ist. Auch ohne Gewichtung von Folgeschäden wäre das auch bestimmt billiger.
A propos Biotope, zu der Riesendemo war ein Trecker-Treck aus dem Wendland gekommen (orange Sonne auf türkis Grund), und so als Momentaufnahme habe ich bei deren Kindern keine festen Spangen gesehen. Manche der älteren hatten etwas geradere Zähne als ihre kleinen Geschwister ... hoffentlich sehe ich das jetzt nicht zu romantisch.

Ra(s)tlose Grüße,
hordeotech
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Dubiose Stiftung Warentest, Wasser auf die Mühle!

Beitrag#3von ruebezahl » 14. Sep 2014 13:53

Werte Aktive,
kann man Pest mit Cholera bekämpfen?
Hier war ich schon 2009 über die Stiftung Warentest entsetzt, als sie einen eigenen Ratgeber über Kieferorthopädie herausgab (zuvor war diese mit in ihrem „Zähne“-Ratgeber):
izz-info-basis-fur-zwanglose-zahnspangen-hauptforum-f1/warentest-kieferorthopadie-buch-jahrige-unnotig-gequalt-t213.html
Denn ich fand die angegebenen Passagen darin, die von rohester Kinderverachtung strotzten!

Schön, dass Warentest nun hier mal im größeren Stil im Kreuzfeuer ist:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/ritter ... seoartikel
Leider mit einem Haar in der Suppe: diese Zeitschrift hier kann ich eigentlich nicht mehr empfehlen.
Weil sie einem Feste-Spangen-Lobbyisten eine Plattform gab (ich könnte den Link nochmal ausgraben), um vor der breiten Öffentlichkeit in gewohnter Manier die Tatsachen zu verdrehen und dreist zu behaupten, frühzeitige Kieferorthopädie mit herausnehmbaren Spangen wäre Abzocke und nur feste würden etwas taugen.
Da höre ich die gierigen Bracket-Hersteller aus Übersee trapsen, die auf das Geld deutscher Patienten scharf sind. Allgemeiner ist das auch hier Thema: Geldmaschine Kassenpatient http://www.forum.patient-informiert-sich.de
Es erinnert penetrant an profitgeile Konzerne, die mit riskantem, das Grundwasser verpestendem Fracking auch noch das letzte bisschen Erdgas ausder Erde pressen wollen, statt auf alternative Gas- und Stromerzeugung umzustellen. Wie TTIP und CETA (Kanadas skrupellose Firmen), zu stoppen sind, bleibt hier spannend.

Zwar wurde jener Artikel kontrovers diskutiert, aber Gehirnwäsche-Ergebnisse in der Art, dass jemand glaubte, nur Außenspangen (Headgear, Delaire-Maske) seien wirksame herausnehmbare Spangen, fanden sich bereits darunter. Diese Hau-Ruck-Methoden, bei denen jeder ungelernte Billiglöhner kapiert, was die anrichten. Eine fachkundige zahnärztliche Meinung, was davon zu halten ist, kommt von „kuki“ als Beitrag #4 in
izz-info-basis-fur-zwanglose-zahnspangen-hauptforum-f1/tiefbiss-modern-ausbeuten-oder-gesundwachsen-kiefer-former-t15.html


In einem anderen Eltern-Forum schrieb eine Kieferorthopädin, sie würde bei allen Kindern, die seitlichen Kreuzbiss (zu schmalem Oberkiefer) haben, eine Gaumennahtsprengung (GNE) machen, „weil herausnehmbar dehnen nichts bringt“, und das schon, sobald mit etwa 6 Jahren die 6er-Mahlzähne gewachsen sind. Mit jenem hinderlichen, mit Abstand vom Gaumen fest eingebauten Mini-Schraubstock, der seelisch und körperlich traumatisiert, z.B. auf Dauer einen Nasenhöcker zur Folge haben kann.
Ist dies geistige Brandstiftung aus Ländern, wo Kieferorthopädie unüblich ist, bevor nicht alle Milchzähne weg sind, und wo unsere wirtschaftlichen aktiven Platten nicht mehr bekannt sind?
Oder hat sich neoliberale Quartalsergebnis-Denke hier schon bis in jene Arztpraxen verbreitet: Quartal für Quartal Einnahmen maximieren, Versagerquote minimieren (Kleinkind könnte eine herausnehmbare Spange boykottieren, verlieren oder kaputt machen), Schäden auf die Allgemeinheit abwälzen?

Soweit an diesem Sonntag,
Rübezahl
Lese gerade ein Buch über alle Arten des Wahnsinns, der in Firmen angetroffen werden kann.
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Re: Warentest Kieferorthopädie-Buch : 4-Jährige unnötig gequält!

Beitrag#4von norbert » 15. Sep 2014 09:32

Ich vermisse kausale Zusammenhänge in dieser Diskussion. Eine Dehnschraube (einfache Spange) ist zwar sanfter als eine GNE aber genauso nutzlos wenn die myofunktionelle Ursache nicht behoben wird. Der Oberkiefer braucht eine regelgerechte Zungenfunktion (Schluckmuster) als Wachstumsanreiz. Ist der Oberkiefer unterentwickelt hält sich die Zunge nicht regelgerecht im hohen Gaumen auf. Spontan wird sich in den seltesten Fällen ein verbessertes Schluckmuster einstellen wenn man die räumlichen Bedingungen verbessert. Ein Rezidiv ist vorprogrammiert wenn nicht begleitend qualifizierte myofunktionelle Therapie (Logopäde) gemacht wird.

Gruß Norbert
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Re: Warentest Kieferorthopädie-Buch : 4-Jährige unnötig gequält!

Beitrag#5von norbert » 15. Sep 2014 09:48

Bei sehr jungen Kindern von einer GNE zu sprechen ist falsch. Da ist die Gaumennaht so weich da wird nichts gesprengt. Der einzige Unterschied ist für eine herausnehmbare Spange braucht man Kooperation und wenn diese nicht gewährleistet ist muss das Gerät zementiert werden und heißt dann GNE. Das ist in den seltesten Fällen notwendig nur wenn die räumliche Situation ein verbessertes Zungenverhalten nicht ermöglicht muss vorbehandelt werden. Ideal ist bei kleinen Kindern ein Funktionsregler er unterstützt das erlernen von regelgerechten Myofunktionen und dehnt die Wangenmuskulatur die mit ursächlich für die Wachstumshemmung des Oberkiefers ist. Das schöne in diesem Alter ist Zwangsbisse können problemlos und Schmerzfrei durch beschleifen von Milchzähnen aufgelöst werden, das ist allerdings notwendig.

Gruß Norbert
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Re. Dubiose Stiftung Warentest, Wasser auf die Mühle!

Beitrag#6von ruebezahl » 15. Sep 2014 12:07

Weiche Naht hin oder her:
ich habe da gestern wiedergegeben, wie einige Kieferorthopäden auch schon für kleine Kinder routinemäßig solche Nazimethoden propagieren und sie mit diesem im Mund eingebauten Schraubstock traumatisieren!
Ist der Patient nicht kooperativ, empfehlen Ganzheitliche zunächst: abwarten – bis mehr Einsicht erwächst. Und so eilig ist Kieferorthopädie bei so kleinen Kindern doch nicht.
Nur: den am schnellen Profit Orientierten geht der dann erstmal durch die Lappen.

Zahnspangen, die helfen, die Zunge auf den Gaumen zu trainieren:
neben deiner Kreation, dem Relaktor, wäre hier das Turin-Gerät nach Bracco zu nennen, dessen verschiedene Varianten durchweg Wangenpelotten aufweisen. Dessen Designer haben bei Kindern, die es gegen Schmalkiefer benutzten, eine heilsame Wirkung auf Kauvorgänge nachgewiesen, wohingegen andere Behandler, die so wie obige wie die Axt im Walde nur mit GNE konnten, diese Heilwirkung vermissten: „Ein Rezidiv ist vorprogrammiert ...“ (und damit eine lukrative Zweitbeandlung).
Nun denn,
Rübezahl
Du, Zahntechniker im Zahnlabor, wenn Sie dir befehlen, für kleine Kinder eine GNE-Apparatur zu bauen, gibt es nur eins: sag NEIN.
„Wenn ich es nicht tue, tut es jemand anders“ ist keine Ausrede.
Lieber für die gesünderen Methoden trommeln.
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