Gaumennaht-Erweiterung (GNE): qualvoll, aber bei Kindern meist unnötig
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Update dieses Kapitels: 03.02.2010
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Man kann nie vorher
wissen, welch böse Verläufe so eine GNE nehmen kann, z.B.
folgende:
9-Jähriger schlingt sein Essen nur noch herunter und hat davon Verdauungsprobleme, weil er durch die GNE-Apparatur nicht mehr richtig kauen kann.
Oder
die GNE (Schnelldehnung, Kieferweitung) führte bei 4- bis
8-Jährigen auch zur psychischen Traumatisierung und
Zahnarzt-Angst. Es ist eben ein Unterschied, ob
ein Kind mit 4 Jahren, mit 8 oder mit 11, ein 14-jähriger
Teenager oder ein Erwachsener mit diesem aufgezwungenen Schmerz und
der Störung der Nahrungsaufnahme fertig werden muss. Siehe
dazu auch die Opfer-Berichte im Alternativen-Kapitel. Wobei
man sich bei den Älteren fragen kann, warum so lange mit
der Korrektur des zu schmalen Oberkiefers gewartet wurde? Je jünger,
desto aussichtsreicher wäre eine Korrektur mit normalen,
herausnehmbaren Spangen gewesen, siehe
Fallbeispiele
zum Engstand.
Mit einer GNE an kleinen Kindern machen sich skrupellose Behandler ihren Teil der Behandlung einfach.
Die Nebenwirkungen, z.B. dass die GNE die Nase verbreitert, werden den Eltern oft verschwiegen. Erwachsen geworden, leiden manche Patienten dann unter ihren breiten Nasen. Verletzung der ärztlichen Aufklärungspflicht ist dies, ebenso wie das Verschweigen wirksamer Alternativen.
Solche
Behandlungen wären dann Körperverletzung.
Aber
auch bei komplikationslosem Verlauf der GNE bleibt jeder halbe Bissen
Essen unter der Apparatur hängen, bzw. kleine Bissen sind gar
nicht mehr zu genießen.
Mittlerweile wird auf Lehrgängen, Kongressen und in Fachpublikationen sogar die GNE im Milchgebiss regelrecht propagiert, die das Risiko von Zahnschäden auf Milchzähne begrenzt. Dem Laienpublikum wird sie z.B. im Kieferorthopädie-Ratgeber der Stiftung Warentest (2009) nahegebracht. Eine billigere Bauform, die mit Plastik-Flügeln (Foto links) auch auf Milchzähnen leicht einzubauen ist, fördert diese unheilvolle Verbreitung.
Gewalt
gegen Kinder wird so zur Routine.
Dagegen führt mit aktiven Platten meist schon eine verlangte Tragezeit von 16/24 h zum Erfolg. Mit geringer Belastung der Gewebe kann die Dehnung (Wachstumsanregung) und die Einordnung der Zähne langsam, aber gleichzeitig erfolgen.
Spätfälle
sind nicht immer selbstverschuldet spät:
Kinder erst
warten lassen, dann die Gaumennaht sprengen, was bisweilen die Zähne
schiefer macht, dann vielleicht wieder warten lassen und dann
Bracket-Spange einbauen ist eine ganz andere, aber meist nicht
schnellere, neokolonialistische Behandlungsform (oder sollte
man sagen, Misshandlungsform?) als die bewährte handwerkliche
Behandlung mit aktiven Platten. Diese wird nun als Hängepartie
verunglimpft, weil sie vom Wachstum und von der Mitarbeit des Kindes
abhängt obwohl Kinder herausnehmbare Spangen
bereitwilliger tragen als Teenager. Oder es wird die Mär
erzählt, dass Platten stets die Zähne nach außen
kippen (was nur passiert, wenn man schneller schraubt, als das
Wachstum mitkommt). Die GNE dagegen erzwingt, ebenso wie Außenspangen
oder in den Knochen gedrehte Schrauben, kurzfristig ein abrechenbares
und propagierbares Ergebnis, wobei für eventuelle Schäden
wie z.B. Zahnwurzel-Verkürzungen
kaum je gehaftet wird.
Studie Risiken bei der Gaumennahtsprengung
Diese
objektiven Befunde zur GNE sind bloß die zugegebenen.
Wie hoch mag die Dunkelziffer der Schäden sein, wenn 50% der
befragten Kieferorthopäden nicht geantwortet haben? Wie hoch der
Anteil der nicht-offensichtlichen Schäden, wie sofortige oder
spätere Kiefergelenk-Beschwerden, oder psychische
Schäden?
Angesichts dessen sollte die GNE auf Spätfälle
beschränkt werden, aber selbst bei Erwachsenen sind noch bis zu
4mm Oberkiefer-Verbreiterung mit herausnehmbaren Spangen möglich,
und im Einzelfall auch mehr langsam zwar, aber es gibt wenig
störende, grazile Bauformen(Crozat). Die 4mm-Obergrenze wird
heute aber oft pauschal, ganz ungeachtet des Alters angegeben.
Dabei
gibt es keine Indikation zur GNE im Milchgebiss und im frühen
Wechselgebiss (d.h. bevor die Seitenzähne wechseln). Je
jünger ein Kind ist, um so mehr gehemmtes Kiefer-Wachstum kann
angeregt werden.
Stattdessen tun immer mehr
Praxen sogar Kindern ab 3 bis 4 Jahren, und oft ab
7, hemmungslos Gaumennahtsprengungen an. Folgt bei Rückbiss-Lagen
danach eine Vorschubdoppelplatte (VDP), so hätte diese parallel
für Kiefererweiterung sorgen können. Dies entlarvt die GNE
als reine Profitmache zu Lasten des Patienten. Liegt umgekehrt ein
Vorbiss vor (Progenie), so verbreiten sich als
Zusatz schlecht konstruierte Delaire-Masken (Gesichtsmaske,
Oberbegriff Außenspangen / extraorale
Kräfte).
Werden Eltern weder über Risiken noch über Alternativen aufgeklärt, dienen ihre Kinder sozusagen als Brennstoff für einen Praxisbetrieb.
Wohlgemerkt
sind Oberkiefer zu schmal (ein- oder beidseitiger
Kreuzbiss), Progenie und offener Biss Kassen-Indikationen
zur Frühbehandlung. Diese ist zwar auf 6 Quartale
begrenzt, aber in diesem Alter reichen die, um die Kieferentwicklung
mit effektiv konstruierten herausnehmbaren Spangen (Vorsicht
vor wirkungsarmen Sparversionen!) zu normalisieren, wie
z.B. Dehnplatten mit Standard- oder Spezialschrauben, oder bei
Progenie Funktionsregler 3 oder Rückschubdoppelplatte (RDP).
Hartnäckige Fälle brauchen danach weitere Überwachung.
Für
Selberzahler-Frühbehandlungen z.B. von erheblichem Engstand, bei
dem aber nirgendwo ein Kreuzbiss vorliegt, haben einige Praxen faire
Angebote. Daneben gibt es konfektionierte Trainer, z.B. Kaukraft
Kiefer-Former, zur Anwendung durch den Hauszahnarzt oder zur
Selbsthilfe.
Untersuchung
(Tagungsbeitrag DOKFO 2000-Vorträge)
Die
kieferorthopädische-kieferchirurgische Behandlung im
Wachstumsalter, V37
Komplikationen
bei der Verwendung von Gaumennaht-Erweiterungsapparaturen
Schuster,
Gabriele; Borel-Scherf, Iris (Poliklink für Kieferorthopädie,
ZZMK Carolinum, Universität Frankfurt am Main)
FRAGESTELLUNG
Art und Häufigkeit von Komplikationen
bei Verwendung von Gaumennaht-Erweiterungsapparaturen (GNE).
MATERIAL
UND METHODE Es wurden 203 Fragebögen an hessische Fachpraxen
versandt, um zu erfahren, wie häufig im letzten Jahr
GNE-Apparaturen verwendet und welche Probleme beobachtet wurden.
ERGEBNISSE: 102 zurückgesandte Fragebögen konnten ausgewertet werden. Dies entspricht einer Rücklaufquote von 50%. In 90% der antwortenden Praxen wird die GNE-Apparatur verwendet. Neben verschiedenen technischen Apparateausführungen fiel der unterschiedliche Aktivierungsrhythmus auf. Insgesamt wurden ca. 1450 konventionelle GNE gegenüber 160 chirurgisch unterstützter GNE durchgeführt. Die Altersgrenze für eine chirurgische Unterstützung wurde im Mittel mit 16,7 ± 4,7 Jahren angegeben. Technische Komplikationen waren Apparaturbruch (30%) oder Lockerungen (52%). Die medizinischen Komplikationen wurden in intraorale sowie extraorale unterteilt. lntraoral wurden hauptsächlich die nicht gesprengte Naht (20%), extreme Zahnkippungen (18%) und Knochen-oder Wurzelresorptionen (7%) sowie Dekubitus (9%) genannt. In einem Fall mussten nach der GNE aufgrund massiver Wurzelresorptionen die 1. Molaren extrahiert werden. Auch extraorale Komplikationen, wie Verbreiterung der Nase und der Nasenwurzel, Ausbildung von Asymmetrien des Nasensteges, Höckerbildungen am Nasenrücken und Hämatombildungen unterschiedlicher Ausprägung wurden von den Praxen (12%) angegeben.
Schlussfolgerungen: Bei der Patientenaufklärung sollte nicht nur auf die positiven Effekte der Gaumennahterweiterung, sondern auch auf die Möglichkeit von Komplikationen, insbesondere auf mögliche extraorale Veränderungen, wie Nasenverbreiterungen etc. hingewiesen werden.