Gaumennaht-Erweiterung
(GNE)
und Außenspangen (Gesichtsmaske,
Headgear, extraorale Kräfte / Verankerung):
qualvoll,
aber: je jünger, desto entbehrlicher
Letztes
Update dieses Kapitels: 31.10.2010
Hier
als pdf Druckversion (0,11 MB pdf, 2
Seiten)
Man kann nie vorher
wissen, welch böse Verläufe so eine GNE nehmen kann, z.B.
folgende:
9-Jähriger schlingt sein Essen nur noch herunter und hat davon Verdauungsprobleme, weil er durch die GNE-Apparatur nicht mehr richtig kauen kann.
Oder die GNE (Schnelldehnung, Kieferweitung) führte bei 4- bis 8-Jährigen auch zur psychischen Traumatisierung und Zahnarzt-Angst. Es ist eben ein Unterschied, ob ein Kind mit 4 Jahren, mit 8 oder mit 11, ein 14-jähriger Teenager oder ein Erwachsener mit diesem aufgezwungenen Schmerz und der Störung der Nahrungsaufnahme fertig werden muss. Siehe dazu auch die Opfer-Berichte im Alternativen-Kapitel.
Mit einer GNE an kleinen Kindern machen sich skrupellose Behandler ihren Teil der Behandlung einfach.
Die
Nebenwirkungen, z.B. dass die GNE die Nase verbreitert, werden
den Eltern oft verschwiegen. Erwachsen geworden, leiden manche
Patienten dann unter ihren breiten Nasen. Verletzung der ärztlichen
Aufklärungspflicht ist dies, ebenso wie das Verschweigen
wirksamer Alternativen.
Solche Behandlungen wären dann
Körperverletzung.
Aber
auch bei komplikationslosem Verlauf der GNE bleibt jeder halbe Bissen
Essen unter der Apparatur hängen, bzw. kleine Bissen sind gar
nicht mehr zu genießen.
Mittlerweile
wird auf Lehrgängen und Kongressen, in Fachpublikationen und
von Fachgesellschaften die Delaire-Maske zur
Frühbehandlung (Gesichtsmaske, oft one-size-for-all mit
Schielstange, siehe Foto) und sogar die GNE im
Milchgebiss propagiert, die das Risiko von Zahnschäden
auf Milchzähne begrenzt. In einer Doktorarbeit wurden an
einer Uni-Klinik Kinderversuche durchgeführt, um
verschiedene GNE-Schraubgeschwindigkeiten zu vergleichen. Dem
Laienpublikum wird die frühe GNE z.B. im
Kieferorthopädie-Ratgeber der Stiftung Warentest (2009)
nahegebracht. Eine billigere Bauform, die mit Plastik-Flügeln
auch auf Milchzähnen leicht einzubauen ist, fördert diese
unheilvolle Verbreitung.
Gewalt
gegen Kinder wird so zur Routine.
Für
Außenspangen werden sie mit der Drohung einer Kiefer-OP gefügig
gemacht.
Dagegen führt mit rechtzeitigen aktiven Platten oder Funktionsreglern nach Fränkel oft schon eine verlangte Tragezeit von 16/24 h zum Erfolg, oder mit Kaugummieffekt-Spangen Ganztagsschul-tauglich auch weniger. Mit geringer Belastung der Gewebe kann die Wachstumsanregung und die Einordnung der Zähne langsam, aber gleichzeitig erfolgen, siehe Fallbeispiele . Könner bewältigen massive 8 mm Breiten-Mangel bei 9-Jährigen in 2 - 3 Jahren herausnehmbar.
Spätfälle
sind nicht immer selbstverschuldet spät:
Kinder erst
warten lassen, dann die Gaumennaht sprengen, was bisweilen die Zähne
schiefer macht, dann vielleicht wieder warten lassen und dann
Bracket-Spange einbauen ist eine ganz andere, aber meist nicht
schnellere, neokolonialistische Behandlungsform (oder sollte
man sagen, Misshandlungsform?) als die bewährte handwerkliche
Behandlung mit aktiven Platten. Diese wird nun als Hängepartie
verunglimpft, weil sie vom Wachstum und von der Mitarbeit des Kindes
abhängt obwohl Kinder herausnehmbare Spangen
bereitwilliger tragen als Teenager. Oder es wird die Mär
erzählt, dass Platten stets die Zähne nach außen
kippen (was nur passiert, wenn man schneller schraubt, als das
Wachstum mithält). Die GNE dagegen erzwingt, ebenso wie
Außenspangen oder in den Knochen gedrehte Schrauben,
kurzfristig ein abrechenbares und propagierbares Ergebnis, wobei für
eventuelle Schäden wie z.B.
Zahnwurzel-Verkürzungen kaum je gehaftet wird.
Studie Risiken bei der Gaumennahtsprengung
Untenstehende objektive Befunde zur GNE sind bloß die zugegebenen. Wie hoch mag die Dunkelziffer der Schäden sein, wenn 50% der befragten Kieferorthopäden nicht geantwortet haben? Wie hoch der Anteil der nicht-offensichtlichen Schäden, wie (späteren) Kiefergelenk-Beschwerden, die auch durch die Gesichtsmasken drohen, oder psychischen Schäden?
Es
gibt keine Indikation zur GNE im Milchgebiss und im frühen
Wechselgebiss (d.h. bevor die Seitenzähne wechseln). Je
jünger ein Kind ist, desto mehr gehemmtes Kiefer-Wachstum kann
angeregt werden.
Daher sollte die GNE auf Spätfälle
beschränkt werden, aber selbst bei Erwachsenen sind noch bis zu
4 mm Oberkiefer-Weitung mit herausnehmbaren Spangen möglich,
und im Einzelfall auch mehr zwar langsam, aber es gibt
zierliche Bauformen wie z.B. Crozat.
Jedoch ist der Rekord des
Mit-Kanonen-auf-Spatzen-Schießens
derzeit:
wegen bloß 3 mm Breiten-Mangel einen
8-Jährigen 6 Monate lang mit einer GNE quälen wollen UND
mit einer Gesichtsmaske, obwohl statt eines sichtlichen Vorbisses nur
eine Tendenz dazu bestand. Dann würde die Maske vorerst einen
Überbiss schaffen.
Immer
mehr Praxen tun Kindern ab etwa 5 Jahren hemmungslos diese
Brutalmethoden an. Manche schöpfen anschließend mit einem
(billig gebauten?) Abklatsch von einst vollwertigen Platten,
Vorschubdoppelplatten (gegen Rückbisslagen) oder
Funktionsreglern nach Fränkel (Typ 3 gegen Progenie) noch
kassenmögliche Zeit aus - wobei manche brutalisierte Praxis mit
diesen nach wie vor im Internet auf Patientenfang geht.
Wenn
Eltern nicht über Risiken und Alternativen aufgeklärt
werden, liefern sie ihre Kinder quasi als
Brennstoff einem Praxisbetrieb aus.
Wohlgemerkt
sind Oberkiefer zu schmal (ein- oder beidseitiger
Kreuzbiss), Progenie und offener Biss Kassen-Indikationen zur
Frühbehandlung. Diese ist auf 6 Quartale begrenzt, die in
diesem Alter meist hinreichen, um die Gebissentwicklung mit effektiv
konstruierten (!) herausnehmbaren Spangen zu normalisieren, wie z.B.
Dehnplatten mit Standard- oder Spezialschrauben, Funktionsreglern
oder Rückschubdoppelplatten (RDP). Hartnäckige Fälle
brauchen danach weitere Überwachung.
Für
Selberzahler-Frühbehandlungen, z.B. von Engstand ohne Kreuzbiss,
haben ausgesuchte Praxen faire Angebote. Daneben gibt es
konfektionierte Trainer, z.B. Kaukraft Kiefer-Former, zur Anwendung
durch den Hauszahnarzt oder zur Selbsthilfe. Sie haben gegenüber
Platten den Vorteil, nicht von Haltezähnen abzuhängen, und
kommen durch ihren Kaugummi-Effekt auch mit weniger Tragezeit aus.
Untersuchung
(Tagungsbeitrag DOKFO 2000-Vorträge)
Die
kieferorthopädische-kieferchirurgische Behandlung im
Wachstumsalter, V37
Komplikationen
bei der Verwendung von Gaumennaht-Erweiterungsapparaturen
Schuster,
Gabriele; Borel-Scherf, Iris (Poliklink für Kieferorthopädie,
ZZMK Carolinum, Universität Frankfurt am Main)
FRAGESTELLUNG
Art und Häufigkeit von Komplikationen
bei Verwendung von Gaumennaht-Erweiterungsapparaturen (GNE).
MATERIAL
UND METHODE Es wurden 203 Fragebögen an hessische Fachpraxen
versandt, um zu erfahren, wie häufig im letzten Jahr
GNE-Apparaturen verwendet und welche Probleme beobachtet wurden.
ERGEBNISSE: 102 zurückgesandte Fragebögen konnten ausgewertet werden. Dies entspricht einer Rücklaufquote von 50%. In 90% der antwortenden Praxen wird die GNE-Apparatur verwendet. Neben verschiedenen technischen Apparateausführungen fiel der unterschiedliche Aktivierungsrhythmus auf. Insgesamt wurden ca. 1450 konventionelle GNE gegenüber 160 chirurgisch unterstützter GNE durchgeführt. Die Altersgrenze für eine chirurgische Unterstützung wurde im Mittel mit 16,7 ± 4,7 Jahren angegeben. Technische Komplikationen waren Apparaturbruch (30%) oder Lockerungen (52%). Die medizinischen Komplikationen wurden in intraorale sowie extraorale unterteilt. lntraoral wurden hauptsächlich die nicht gesprengte Naht (20%), extreme Zahnkippungen (18%) und Knochen-oder Wurzelresorptionen (7%) sowie Dekubitus (9%) genannt. In einem Fall mussten nach der GNE aufgrund massiver Wurzelresorptionen die 1. Molaren extrahiert werden. Auch extraorale Komplikationen, wie Verbreiterung der Nase und der Nasenwurzel, Ausbildung von Asymmetrien des Nasensteges, Höckerbildungen am Nasenrücken und Hämatombildungen unterschiedlicher Ausprägung wurden von den Praxen (12%) angegeben.
Schlussfolgerungen: Bei der Patientenaufklärung sollte nicht nur auf die positiven Effekte der Gaumennahterweiterung, sondern auch auf die Möglichkeit von Komplikationen, insbesondere auf mögliche extraorale Veränderungen, wie Nasenverbreiterungen etc. hingewiesen werden.