KRÄFTE
und Schmerzen in der Kieferorthopädie - eine physikalische
Betrachtung
Um
Zähne zu bewegen, muss man Druck ausüben.
Klar,
wir können ja schließlich nicht hexen. Aber: muss das
zwangsläufig schmerzhaft ablaufen? So sind doch Unterschiede
möglich in der Stärke der Krafteinwirkung, und in ihrer
Dauer. Exakter physikalisch: im Verlauf des Drucks entlang der Zeit
(Druck ist Kraft pro Fläche, hier die Fläche des
Zahnhaltegewebes quer zur Kraftrichtung). In diesem Zeitverlauf
bewegen sich die betroffenen Zähne von der wirkenden Kraft
weg.
Zunächst einmal werden zunehmend große Drücke
zur Zahnbewegung in 5 Kategorien aufgeteilt.
Deren Abgrenzungen sind individuell etwas unterschiedlich, z.B.
bedingt durch den Blutdruck, der im Zahnhaltegewebe herrscht.
1.
Druck, der selbst bei Dauereinwirkung keine Zahnbewegung bewirkt.
Hierzu zählt auch der Druck, den die Zunge von innen und die
Wangen von außen auf die Zähne ausüben. Er bewegt die
Zähne normalerweise nicht - bei krankhafter Aktivität
dieser Muskeln mit größeren Kräften hingegen
schon.
Und nur durch diesen Schwellenwert für zahnbewegende
Krafteinwirkungen ist es überhaupt möglich, dass die bei
jeder kieferorthopädischen Kraftausübung unvermeidliche
Gegenkraft unschädlich vernichtet werden kann
wenn sie großflächig genug verteilt wird.
2.
Druck, der auch bei dauernder Einwirkung keine Schädigung des
Zahnhaltegewebes hervorruft.
3.
Druck, der bei ununterbrochener Einwirkung das Zahnhaltegewebe
schädigt, jedoch nicht, wenn Unterbrechungen eine Erholung
dieses Gewebes ermöglichen.
4.
Druck, die selbst bei kurzer Einwirkung das Zahnhaltegewebe durch
Abdrücken der Blutzufuhr schädigt und zum Absterben
bringt.
5. Einen Sonderfall
stellen sehr kurzzeitige, hohe Druckspitzen dar, die beim Kauen
auftreten. Sie sind durch ihre Kurzzeitigkeit folgenlos.
Die folgenden Kurven stellen die Krafteinwirkung auf die Zähne ober- und unterhalb der Schmerzschwelle (rot bzw. gelb) im Verlauf der Zeit dar. Wobei sich für verschiedene Zahnklammer-Typen ganz verschiedene Muster ergeben.
Die Schmerzschwelle hat in jedem Fall zwei Komponenten. Zum einen die der Latenz-Zeit, die es braucht, bevor eine Krafteinwirkung als schmerzhaft empfunden wird. Dieses Zeitintervall wird mit steigender Kraft kürzer, daher ist diese Schwelle an der Kraft-Achse leicht aus der Senkrechten geneigt. Zum anderen die Schwelle der Mindest-Kraft, die bei Dauereinwirkung eine Schmerzreaktion hervorruft. Statt konstant ist diese entlang der Zeit-Achse leicht von der Waagerechten abfallend, weil durch Belastung erschöpftes / sensibilisiertes Gewebe empfindlicher reagiert als Gewebe im optimalen Zustand.
1.
Festsitzend (Kurve auf Grün):
hierfür typisch sind lange Auslenkungen der Kraftquellen (dünne
Drähte, Gummibänder), deren Druckentfaltung im Bereich der
Kategorie 2 liegen muss. D. h. die Zähne, die hier obendrein in
größerer Anzahl betroffen sind als bei den folgenden
Gerätetypen, müssen sich sehr weite Strecken in
Kraftrichtung bewegen, bevor die Kraft nachläßt. Dabei
sind die Zahnhaltegewebe einer wochenlangen Dauerbelastung ohne
Erholungspausen ausgesetzt. Zudem ist diesem Druckbereich kein
einfach entsprechender Kraftbereich zugeordnet. Sondern für
Zähne,die einen kleinen Wurzelquerschnitt quer zur anliegenden
Kraftrichtung haben, gibt dieselbe Kraft einen größeren
Druck als für Zähne mit großem Wurzelquerschnitt quer
zur Kraftrichtung. Zudem gibt es (selten) auch noch Patienten, die
abweichende Zahnwurzeln haben.
Die Geschwindigkeit, mit der ein
Zahn der Krafteinwirkung nachgibt, hängt zudem noch vom
Widerstand ab, den der Knochen lokal der Zahnbewegung entgegensetzt.
Und dieser Widerstand ist im Knochen weder an jedem Ort, noch in
jeder Richtung einheitlich, und überdies noch individuell
unterschiedlich.
Angesichts
so komplizierter Verhältnisse besteht auch bei sachgerechter
Anwendung fester Spangen ein Restrisiko für Wurzelschäden.
Wobei der Schmerz zwar als körpereigenes
Warnsystem fungiert, das man nicht leichtfertig mit Schmerzmitteln
betäuben sollte, aber seine offenkundige Ursache abzustellen ist
dem Patienten nicht so einfach möglich.
2.
Federn an Herausnehmbaren (Kurve auf Türkis):
meist aus Draht mit 0.7mm Durchmesser, vergleichsweise höhere
Kraft (bis Kategorie 3) mit kürzerer Auslenkung. D.h. die Zähne
können sich innerhalb von Tagen von der Krafteinwirkung weg
bewegen. In Zeitintervallen ohne Gerät erholt sich das
Zahnhaltegewebe, aber die Zähne bewegen sich anfangs langsam
wieder zurück. Daher setzt die Kraft-Kurve nach Unterbrechung
etwas höher wieder ein.
3.
Schrauben an Herausnehmbaren (Kurve auf Blau):
haben meist 0.4mm Gewindehöhe, so dass die übliche
Vierteldrehung eine nur 0.1mm weit reichende, starke Kraft bewirkt
(beidseitig, oder für einen Sektor oder einzelnen Zahn). Diese
Distanz ist zu kurz, um das Zahnhaltegewebe gefährlich zu
quetschen. Die Zähne geben dieser Krafteinwirkung in wenigen
Tagen nach. Darum werden Schrauben entsprechend öfter
nachgestellt als Federn (meist wöchentlich vom Patienten
selbst).
4.
Durch Kaubewegungen ausgelöste Kräfte an
dynamischen Zahnspangen (Bimler,
Kinetor, Dentosophie-Unterkapitel, konventionelle + Silikon-Anteile;
teil-dynamisch auch Maxillator, U-Bügel-Aktivator, manche VDP;
Kurve auf Violett):
bei diesen Geräten mit Kaugummi-Effekt steuert der
Patient Höhe und Dauer der Krafteinwirkung selbst. Was auf
stundenlange Sequenzen vieler kurzer, starker Kraftspitzen
hinausläuft. Beim Kauen treten solche unbemerkt noch kürzer
und stärker auf, Kategorie 5.
Man kann sich vorstellen, dass
durch diesen Massage-Effekt die Durchblutung der Zahnhaltegewebe
angeregt wird, was den Stofftransport für den gewünschten
Gewebeumbau fördert. Wohingegen die anhaltende Kompression
dieser Gewebe mit den vorgenannten Methoden die Durchblutung eher
mindert. Ein geläufiger Vergleich:
es ist viel anstrengender, lange in einer starren Haltung verharren
müssen, als diese Haltung in einem rythmischen Bewegungsablauf
immer wieder zu durchlaufen. Z.B. Stehen im Vergleich zum Gehen -
jeder weiß, dass lange Ausstellungs- und Messebesuche, die man
überwiegend stehend verbringt, die Beine mehr ermüden als
lange Spaziergänge.
Beim Nachstellen eventueller
Federn und Schrauben an dynamischen Zahnspangen werden diese
lediglich den durch Umsetzung der Muskeltätigkeit bereits
erfolgten Zahnbewegungen und Wachtumsvorgängen nach-angepasst.
letztes Update dieses Kapitels: 20.03.2004